Bikebergsteigen

Sommer 2009, eine Berghütte in den Alpen. Es ist 4.00 Uhr am morgen, im Matratzenlager schlafen etliche Bergbegeisterte. Der erste Wecker klingelt, Bergausrüstung beginnt zu klappern, Rucksäcke werden gepackt. Man kommt ins Gespräch, wo soll es denn hingehen, aha, Klettertour, Eistour und wir? Was wollt Ihr mit den Protektoren wird gefragt? Und den Bike-Helmen? Auf den Gipfel? Kann doch gar nicht sein, Ihr seid verrückt. Da ein Bike hoch schleppen. Gegenfrage : Wie lange tragt Ihr Eure Seile, Eure Haken und Pickel, bis Ihr sie braucht? Und was wiegt all das Equipment? Auch nicht weniger, als unsere Bikes. Alle, die uns eben noch ungläubig angeschaut haben, beginnen nachzudenken. Klar, Bikebergsteigen, warum eigentlich nicht? Mal was Neues. Ein neues Ziel ist gesteckt.

Ja, der Mountainbike-Sport entwickelt sich weiter. Als vor 25 Jahren die ersten Bergsteiger, Wanderer und Kletterer mit aus heutiger Sicht technisch einfachen Bergrädern den Zustieg zu Ihrer Bergtour etwas verkürzten, hätte sich kaum einer träumen lassen die Jungs mit den Bikes einmal oben auf dem Gipfel anzutreffen. Das Material ist besser geworden, eröffnet neue Möglichkeiten, neue Ziele werden gesteckt. Durch das Bikebergsteigen erweitert man den Horizont sowohl für sich selbst als auch für den Sport an sich.

Jeder Biker der einmal in den Alpen war hat sich sicher schon einmal gefragt, warum die Tour auf einem Joch, einem Pass oder an einer Alm enden soll und muss? Gibt es nicht seit Beginn des Alpinismus nur ein Ziel, dass es zu erreichen gilt? Das höchste was ein Berg zu bieten hat, nämlich den Gipfel? Genau den Punkt, an dem es nicht mehr höher hinaus geht! Genau dieses Ziel  setzt man sich beim Bikebergsteigen. Und darüber hinaus hat man noch etwas anderes im Auge, das allen anderen Alpinisten im Sommer versagt bleibt: die Aussicht auf eine Abfahrt, einen Trail, der den sportlichen Ambitionen genüge tut, der Spaß macht, der Flow bietet und fahrtechnische Herausforderung. Das Bikebergsteigen bietet gleich mehrere Ziele: den Weg, den Gipfel und nicht zu vergessen die Abfahrt.

Jeder Bergsteiger ist Naturliebhaber. Und er will bewahren was er erleben darf, denn er ist nur Gast in dieser einzigartigen Bergwelt. So geht es auch dem Biker, vor allem als Bikebergsteiger. Er schont die befahrenen Wege und teilt das Naturerlebnis gerne mit anderen Besuchern. Gemeinsam am Berg zu sein ist das Credo. Er meidet selbstverständlich jeglichen Konflikt mit Wanderern, Almbauern und Nationalparkwächtern. Er teilt sich die Berge mit allen anderen, und wenn es manchmal nur durch die Wahl des geschicktesten Zeitfensters geht. Sein Ziel ist Harmonie, d. h. Einklang mit der Natur, mit den “Mit-Bergsteigern” und der Umwelt.

Der Biker ist sich beim Bikebergsteigen seiner Verantwortung als Bergsportler bewusst. Er schützt sich, er bereitet sich gewissenhaft und sorgfältig auf seine Tour vor und bringt andere nicht in Gefahr. So ist er auch in den Bergen ein gern gesehener Gast und erklärt gerne was er dort treibt. Sein Ziel ist es, mit gutem Beispiel voran zu gehen und somit Akzeptanz und Anerkennung für den Sport zu gewinnen.

Das Bikebergsteigen ist kein Wettkampfsport. Pulsmesser und Stoppuhr bleiben daheim und die Jagd nach Rekorden, Gipfeln und Siegen steht im Hintergrund. Was zählt ist ein schöner Tag unter Freunden, Kameradschaft und die Bilder die man im Kopf oder der Digitalkamera mit nach Hause nimmt. Man genießt auch den Aufstieg, die Erfüllung nach einem unvergesslichen Tag in den Bergen. Das Ziel ist etwas zu erleben, sich in die Reviere von Adler und Steinbock zu begeben. Ziel ist es die einzigartige Bergwelt auf eine seiner schönsten Arten zu besuchen.

In ein paar Jahren schon werden wir Biker in den höheren Alpenlagen ebenso zum gewohnten Bild gehören, wie Paraglider und Kletterer, Skitourengeher und Schneeschuhwanderer. Man wird uns deshalb vielleicht nicht mehr ganz so oft fragen, was wir da treiben. Es werden sich aber hoffentlich auch weiterhin viele nette Gespräche mit anderen Alpinisten ergeben. Unser Ziel ist es, dass man uns gerne begegnet. Das wäre der Gipfel, den wir besteigen möchten!

Foto: Florian Strigel | Fahrer: Tobias H.

Foto: Florian Strigel | Fahrer: Tobias H.